Als Broadcom die Übernahme von VMware vollzog, war die erste Reaktion vieler Kunden rational. Man prüfte Verträge, bewertetet Kosten und evaluiert(e) Alternativen. Die zweite Reaktion war emotionaler und nachhaltiger. Ein grundlegendes Misstrauen hat sich in den Markt eingeschlichen. Nicht nur gegenüber VMware, sondern gegenüber Plattformanbietern generell.
In vielen meiner Gesprächen zeigt sich heute ein wiederkehrender Gedanke: Selbst wenn Unternehmen eine Alternative evaluieren, etwa Nutanix, steht eine spannende Frage im Raum. Was, wenn sich die Geschichte wiederholt?
Diese Frage ist verständlich, aber es ist nicht die wichtige und richtige Frage.
Die eigentliche Veränderung – Vertrauen ist zur Architekturfrage geworden
Die Diskussion rund um Virtualisierung, Private Cloud oder Hybrid Cloud war lange technologisch geprägt. Es ging um Performance, Features, Integration. Heute verschiebt sich jedoch der Fokus. Es geht plötzlich um Kontrolle, Planbarkeit und zunehmend um strukturelles Vertrauen.
Broadcom hat mit seinem Vorgehen nicht nur Preise und Lizenzmodelle verändert. Es hat eine neue Wahrnehmung geschaffen, dass Plattformen können sich fundamental ändern können, ohne dass Kunden darauf Einfluss haben.
Das Ergebnis ist eine Art “Generalverdacht”. Anbieter werden nicht mehr nur technisch bewertet, sondern entlang einer impliziten Risikoachse: Wie wahrscheinlich ist es, dass dieser Anbieter in drei bis fünf Jahren ein völlig anderes Geschäftsmodell verfolgt und sogar aufgekauft wird?
Nutanix im Kontext dieser neuen Realität
Nutanix unterscheidet sich strukturell von dem, was viele Kunden aktuell implizit befürchten. Das Unternehmen ist börsennotiert, breit im Markt verankert und im Besitz international diversifizierter Investoren. Es gibt keinen dominierenden Eigentümer mit strategischer Agenda, der kurzfristig fundamentale Richtungswechsel erzwingen könnte.
Das bedeutet nicht, dass Veränderungen ausgeschlossen sind, das wäre naiv. Aber es verändert die Wahrscheinlichkeit und vor allem die Dynamik solcher Veränderungen.
Die oft geäusserte Sorge, Nutanix könnte das nächste “VMware” werden, ist unwahrscheinlich. Sie überträgt ein spezifisches Ereignis auf ein völlig anderes strukturelles Umfeld.
Interessanterweise ist ein gegenteiliges Szenario realistischer. Anbieter im unteren oder mittleren Marktsegment, die stark wachsen und Marktanteile gewinnen, werden eher zu Übernahmezielen. Ein Beispiel, das in vielen Diskussionen fällt, ist Proxmox. Genau solche Player stehen historisch eher im Fokus strategischer Konsolidierungen.
Der Reflex “Open Source”
Parallel zur Skepsis gegenüber kommerziellen Plattformen lässt sich ein zweiter Trend beobachten, nämlich der Rückzug in Open Source.
Begriffe wie “Unabhängigkeit”, “kein Vendor Lock-in” oder “volle Kontrolle” prägen diese Diskussion. Technologisch stehen dabei Lösungen wie OpenStack oder Apache CloudStack im Vordergrund.
Auch hier, der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar, doch er wird oft zu einfach formuliert.
Open Source löst nicht das Grundproblem der Plattformabhängigkeit. Es verschiebt es lediglich.
Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob Software offen oder proprietär ist, sondern eher: Wie einfach kann ich meine Workloads bewegen?
Cloud Exit bleibt ein physisches Problem
Egal ob Unternehmen auf Nutanix, Open Source oder klassische Virtualisierung setzen,ein Plattformwechsel bedeutet fast immer:
- Migration von virtuellen Maschinen
- Anpassung von Netzwerkkonfigurationen
- Neuaufbau von Automatisierung und gewissen Betriebsmodellen
- Testen und Validieren der Workloads
Selbst innerhalb von Open-Source-Ökosystemen ist Interoperabilität begrenzt. Ein Wechsel von OpenStack zu CloudStack ist kein “Lift & Shift”, sondern eher ein Transformationsprojekt.
Auch der Weg in die Public Cloud ändert daran wenig. Workloads müssen angepasst, Images konvertiert und Abhängigkeiten neu beurteilt werden.
Die Vorstellung, dass Open Source automatisch zu einem “reibungslosen Exit” führt, hält einer praktischen Überprüfung selten stand.
Kubernetes als vermeintlicher Ausweg und seine Grenzen
Ein ähnliches Narrativ existiert rund um Kubernetes. Containerisierung gilt als Königsweg zur Portabilität. Einmal modernisiert, überall lauffähig. So zumindest die Annahme. In der Praxis zeigt sich aber ein anderes Bild. Kubernetes ist kein homogener Standard, denn jede Distribution bringt ihr eigenes Ökosystem mit:
- unterschiedliche Netzwerk-Stacks
- verschiedene Storage-Integrationen
- eigene Security-Modelle
- proprietäre Erweiterungen und Services
Ein Cluster auf einer Plattform ist nicht identisch mit einem Cluster auf einer anderen. Der Wechsel zwischen Kubernetes-Umgebungen reduziert zwar bestimmte Abhängigkeiten auf Applikationsebene, verschiebt aber die Komplexität in die Plattformintegration.
Auch hier gilt: Portabilität ist möglich, aber nicht kostenlos.
Was sich tatsächlich verändert hat
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis nach Broadcom ist keine technische, sondern eher eine strategische. Unternehmen müssen Plattformentscheidungen heute unter zwei Perspektiven treffen:
- Was kann die Plattform heute leisten?
- Wie wahrscheinlich ist es, dass sich ihre Spielregeln morgen verändern?
Diese zweite Dimension war früher implizit, heute ist sie zentral.
Eine erste nüchterne Schlussfolgerung
Der Markt reagiert aktuell verständlich, aber nicht immer differenziert oder fundiert. Nicht jeder Anbieter wird zur nächsten VMware und nicht jede Open-Source-Strategie führt automatisch zu mehr Kontrolle.
Die eigentliche Herausforderung bleibt unverändert – Komplexität verschwindet nicht, sie verlagert sich einfach.
Wer heute über Plattformen entscheidet, sollte also weniger in Kategorien wie “proprietär vs. Open Source” denken und stärker in Szenarien:
- Wie sieht ein realistischer Exit aus?
- Wie hoch ist der operative Aufwand eines Wechsels?
- Welche Abhängigkeiten entstehen – technisch, organisatorisch und wirtschaftlich?
Die Antworten darauf sind selten ideologisch, sondern fast immer pragmatisch.Und genau darin liegt doch die eigentliche Aufgabe, nämlich
nicht den perfekten Anbieter zu finden, sondern den bewusst gewählten.
Open Source als Fundament, nicht als Gegenmodell
In der aktuellen Debatte wird Open Source oft als Gegenentwurf zu kommerziellen Plattformen positioniert. Jedoch sind Open Source und Enterprise-Plattformen längst keine Gegensätze mehr, sondern sind zunehmend miteinander verwoben.
Gerade Nutanix ist ein Beispiel dafür, wie sich diese beiden Welten verbinden lassen.
Der Nutanix-Hypervisor AHV basiert auf KVM, einem der etabliertesten Open-Source-Hypervisoren weltweit. KVM bildet seit Jahren die Grundlage zahlreicher Cloud-Plattformen und wird auch von Hyperscalern eingesetzt. Nutanix hat darauf aufbauend eine Enterprise-Schicht entwickelt, die Themen wie Lifecycle Management, Automatisierung, Security und Support integriert.
Das ist ein entscheidender Unterschied zur klassischen Open-Source-Nutzung. Das Rad wird nicht neu erfunden, sondern ein stabiler, offener Kern wird gezielt erweitert, gehärtet und in einen betriebsfähigen Kontext gebracht.
Open Source bleibt erhalten, aber die operative Komplexität wird abstrahiert. Das Engineering und Innovations-Management wird somit ausgelagert.
Kubernetes ohne Plattformzwang
Mit der Nutanix Kubernetes Platform (NKP) verfolgt Nutanix bewusst keinen proprietären Lock-in-Ansatz. Im Gegenteil, NKP ist als Plattform konzipiert, die sich aus einer Vielzahl von CNCF-Projekten zusammensetzt. Also genau jenen Open-Source-Bausteinen, die heute das Kubernetes-Ökosystem prägen.

Der entscheidende Punkt ist dabei nicht die Technologie selbst, sondern die Platzierung. NKP ist nicht an die Nutanix-eigene Virtualisierungsplattform gebunden. Das bedeutet konkret:
- Kubernetes-Cluster können auf Nutanix betrieben werden
- ebenso auf VMware-Umgebungen
- auf Baremetal-Infrastrukturen
- oder direkt in Public Clouds
Während viele Plattformanbieter versuchen, Kubernetes enger an ihre eigene Infrastruktur zu binden (z.B. VMware mit VKS), verfolgt Nutanix einen anderen Ansatz. Kubernetes soll dort laufen, wo es für den Kunden sinnvoll ist und nicht dort, wo es lizenztechnisch oder architektonisch “erwartet” wird.
Das unterschätzte Detail – Entkopplung als Designprinzip
Diese Architektur führt zu einer bewussten Entkopplung zwischen Infrastruktur und Plattform.
Ein Unternehmen kann sich für NKP entscheiden, ohne sich gleichzeitig für den gesamten Nutanix-Stack festlegen zu müssen. Umgekehrt kann Nutanix-Infrastruktur betrieben werden, ohne Kubernetes zwingend darauf zu standardisieren.
Diese Modularität steht im klaren Kontrast zu Entwicklungen im Markt, bei denen Plattformen zunehmend als geschlossene Systeme positioniert werden.
Gerade im Kontext der aktuellen VMware-Debatte ist das relevant. Viele Kunden fürchten, dass der Einstieg in eine Plattform automatisch zu einer langfristigen, schwer auflösbaren Bindung führt.
Das Beispiel NKP zeigt, dass es auch anders geht.
Open Source bleibt, aber nicht im Rohzustand
Ein weiterer Punkt, der in der Praxis oft missverstanden wird: Open Source allein löst keine betrieblichen Herausforderungen.
Projekte wie Kubernetes, KVM oder auch die verschiedenen CNCF-Komponenten sind leistungsfähig, aber sie sind nicht per se “Enterprise-ready”. Sie müssen integriert, betrieben, überwacht, abgesichert und weiterentwickelt werden.
Genau hier setzt Nutanix an. Die Strategie besteht nicht darin, Open Source zu ersetzen, sondern sie in einen konsistenten Betriebsrahmen zu bringen. Das Ergebnis ist kein Widerspruch, sondern eine Kombination aus:
- Offene Technologien als Basis
- Kommerzielle Plattform als Betriebsmodell
Fazit
Nach den Erfahrungen mit Broadcom suchen viele Unternehmen nach Alternativen, die sowohl technologisch tragfähig als auch strategisch verlässlich sind. Dabei entstehen oft zwei Extreme:
- Auf der einen Seite die Rückkehr zu “reiner” Open Source
- Auf der anderen Seite die Suche nach einem neuen Plattformanbieter
Der Ansatz von Nutanix liegt genau zwischen diesen beiden Polen:
- die Offenheit etablierter Open-Source-Technologien
- kombiniert mit einem klar definierten Betriebsmodell
- und einer bewusst modularen Architektur
Das bedeutet nicht, dass Abhängigkeiten verschwinden, aber sie werden transparenter und in vielen Fällen auch steuerbarer.
Und genau das ist in der aktuellen Marktsituation entscheidend. Nicht die Illusion vollständiger Unabhängigkeit, sondern die Fähigkeit, Abhängigkeiten bewusst zu gestalten.






























